Hans-Jakob Boesch
Hans-Jakob Boesch
04.08.2017

1. August-Ansprache 2015

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Wiedikerinnen und Wiediker

Wir feiern heute gemeinsam einen Geburtstag, den Geburtstag der Schweiz. Geburtstage sind immer auch ein guter Anlass, um das Vergangene Revue passieren zu lassen und einen Blick in die Zukunft zu wagen. Um es gleich vorweg zu nehmen: Wir können stolz sein, auf das, was die Schweiz bzw. wir alle zusammen erreicht haben, und wir müssen uns vor der Zukunft nicht verstecken. Aber, es gibt einige Herausforderungen zu meistern und vor allem gravierende Fehlentscheide zu vermeiden.

Fast jede Statistik zeigt es, und ein Blick ins nahe und ferne Ausland beweist es: Uns geht es hier in der Schweiz sehr gut; wir haben eine der weltweit höchsten Lebensqualitäten! Und auch verglichen mit früher, ist unser heutiger Wohlstand und die uns offenstehenden Möglichkeiten einzigartig. Wir können wahrlich sehr zufrieden sein!

Dieser Erfolg ist uns aber nicht einfach so in den Schoss gefallen, sondern wurde und wird von uns allen tagtäglich erarbeitet. Die Freiheit, die wir geniessen, müsse wir gegen Innen und Aussen bewahren und sie gleichzeitig leben, sonst wird sie wegreguliert und unterdrückt. Für den Wohlstand arbeiten wir jede Woche von Montag bis Freitag, denn das Geld wächst bekanntlich nicht auf den Bäumen. Und die Gemeinschaft und gegenseitige Solidarität brauchen den aktiven Beitrag von uns allen, denn sie können nicht verordnet werden.

Unsere hohe Lebensqualität basiert also auf nichts geringerem als uns allen, den Bürgerinnen und Bürger. Und entsprechend haben wir es auch selbst in der Hand, dass diese nicht verloren geht, sondern im Gegenteil sogar noch gesteigert wird. Hierfür dürfen wir uns aber keinesfalls auf den Lorbeeren ausruhen oder gar die Pfeiler dieses Erfolgs zerstören:

Wir brauchen weiterhin einen starken, aber schlanken Staat, effiziente Infrastrukturen in Verkehr, Bildung und Gesundheit, eine moderate Steuerbelastung und tiefe Verschuldung, ein flexibler Arbeitsmarkt und offene Märkte gegen Innen und Aussen, starkes und innovatives Unternehmertum, hohes gesellschaftliches Engagement und vor allem: aktive, freie Bürgerinnen und Bürger!

Bei allem berechtigen Stolz auf das von uns Erreichte, sehr geehrte Damen und Herren, dürfen wir uns in einem Punkt nichts vormachen. Natürlich, wir sind unabhängig und souverän und bestimmen selbst, was für uns gut ist. Unsere äussere Sicherheit und Freiheit basieren aber auf dem internationalen Werte- und Rechtssystem des Westens, angeführt und militärisch gesichert durch die USA. Wir tragen hierzu zwar unseren Teil bei, aber ohne die anderen, würde uns ein ziemlich rauer Wind entgegenblasen. Dies gilt es gerade heute, 70 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs, als hunderttausende von jungen Briten und Amerikanern ihr Leben auch für unsere Freiheit liessen, nicht zu vergessen.

Von dieser Sicherheit und den internationalen Normen profitiert gerade die Schweiz als Kleinstaat mit einer globalausgerichteten Wirtschaft im höchsten Masse. So werden Konflikte zwischen Staaten politisch oder juristisch nach gemeinsamen Regeln gelöst und eben nicht mit Waffengewalt. Ja, selbst unsere Souveränität an sich würde ohne die Anerkennung durch die anderen Staaten gar nicht erst existieren. Unser Wohlstand wird zwar von uns selbst erarbeitet, jeder zweite Franken erwirtschaften wir aber im Handel mit dem Ausland. Und dieser ist ohne internationale Normen und Gerichte, gesicherte Handelswege und offene Märkte schlichtweg nicht denkbar.

Unser Unabhängigkeit und Souveränität, unsere Freiheit und unsere Wohlstand hängen also massgeblich vom Ausland ab – dies ist nicht zu beklagen, sondern als Tatsache zu akzeptieren. Und weil dem so ist, haben wir als Schweiz ein ureigenes Interesse, das Werte- und Rechtssystem des Westens als ordnende Macht auf internationaler Ebene zu erhalten und mitzugestalten. Ein System notabene, dessen Werte und Rechtsgrundsätze wir voll und ganz teilen und auch in der Schweiz hochhalten: nämlich Freiheit, Demokratie und Menschenrechte!

Was es heisst, sich ausserhalb des internationalen Rechts und des Schutzes starker Partner zu bewegen, zeigt aktuell das traurige Beispiel der Ukraine: Dort setzt sich der Stärkere mit roher Gewalt durch, verschiebt einseitig zu seinen Gunsten Grenzen und bricht ungestraft internationale Verträge und internationales Recht.

In diesem Kontext mutet dann auch die Diskussion bei uns über fremde und eigene Richter ziemlich provinziell an. Denn in Wirklichkeit geht es um eine ganz andere Diskussion, nämlich um die Diskussion, ob es überhaupt einen Richter gibt, oder aber ob die brutale Macht des Stärkeren diktiert! Also kurz und salopp: Richter oder fremde Panzer.

Wir tun also als Kleinstaat mit einer globalausgerichteten Volkswirtschaft sehr gut daran, am Regelwerk auf internationaler Ebene aktiv mitzuarbeiten, unsere Verantwortung auch global wahrzunehmen und für unsere Interessen weltweit mit Verve einzustehen.

Ein solches Engagement widerspricht auch keinesfalls der Neutralität der Schweiz, wie häufig behauptet wird. Denn neutral sein, heisst nicht, seine eigenen Interessen zu verleugnen, sondern sich nicht in fremde Streitereien einzumischen. Es geht hier aber gerade nicht um die Anderen, sondern es geht um uns und unsere ureigenen Interessen. Gerade als unabhängiger und souveräner Staat, den wir sind, haben wir unsere Interessen wahrzunehmen und zu schützen, wo nötig auch weltweit. Sollten wir das hingegen nicht tun, werden wir am Ende sogar noch unsere Unabhängigkeit und Souveränität preisgeben.

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Wiedikerinne und Wiediker, ja, wir haben heute etwas zu feiern – zu recht und mit Stolz. Und wir können zuversichtlich in die Zukunft blicken. Dies soll uns aber nicht blind machen vor den Herausforderungen, die vor uns liegen, und uns aus Hochmut zu offensichtlichen Fehler verleiten, die alles Erreichte kaputt machen und uns die Zukunft in Freiheit und Wohlstand verbauen.

In diesem Sinne: Herzliche Gratulation zum Geburtstag, liebe Schweiz, und weiterhin alles Gute für die Zukunft!

(1. August-Ansprache an der 1. August-Feier des Quartiervereins Wiedikon am 1.8.2015)