Hans-Jakob Boesch
Hans-Jakob Boesch
10.08.2017

1. August-Ansprache 2016

Liebe Einwohnerinnen und Einwohner von Seegräben, liebe Gäste

Wir feiern heute den 1. August, den Geburtstag der Schweiz. Allerdings mag es etlichen von Ihnen nicht so recht zum Feiern sein. Denn von überall her erhalten wir nur Hiobsbotschaften, die uns immer wieder drastisch vor Augen führen, in welch unsicheren Zeiten wir leben: Bis jetzt blieb die Schweiz zwar von einem grösseren Ansturm von Flüchtlingen verschont; aber wer garantiert uns, dass das auch zukünftig so bleiben wird? Selbst Lastwagen werden heute als tödliche Waffen von Terroristen eingesetzt; gibt es da noch irgendwo einen sicheren Ort? In Osteuropa werden Landesgrenzen wieder mit Panzer verschoben und Ländereien gewaltsam annektiert; gilt bald wieder nur noch das Recht des Stärkeren und werden internationale Verträge hinfällig? Die EU-Staaten schlittern von einer Krise zur nächsten, nebst den südeuropäischen Banken und dem griechischen Schuldendebakel ist nun auch noch der Brexit dazukommen; wann wird unsere Exportwirtschaft endlich wieder Luft zum Atmen haben?

Ja, wir leben in unsicheren Zeiten. Und wie wenn das nicht schon genug schwer wiegen würde, müssen wir auch noch feststellen, dass die Ursachen für die Unsicherheiten im Ausland liegen, teilweise weit weg von der Schweiz und kaum von uns beeinflussbar.

Was ist also zu machen? Was müssen wir tun, damit wir wieder unbeschwert den 1. August feiern können?

Politikerinnen und Politiker von Links bis Rechts bieten hierfür allerlei Rezepte an. Linke machen unseren Lebensstil und unseren Wohlstand für alles Elend auf dieser Welt verantwortlich, schieben uns also die Schuld für die Misere in die Schuhe. Folgerichtig fordert die Linke immer mehr Umverteilung und immer mehr staatliche Kontrolle, um so letztendlich unser liberales, demokrarisches System durch den Sozialismus zu ersetzen. Die Linke setzt also auf ein Rezept aus dunkler Vergangenheit, dessen Unbrauchbarkeit gerade jüngst wieder mit Venezuela unter Beweis gestellt wird.

Auch die Rechtskonservativen schwören auf die Vergangenheit. Für sie ist „früher“ immer besser als „heute“ – und als Beweis verweisen sie auf die heutigen Probleme, während sie die Probleme von früher ausblenden. Ihr Rezept ist folglich simpel einfach: Das Rad zurückdrehen, bis wieder die früheren Zustände herrschen. Alles Neue, Andere und Fremde wird abgelehnt und mit Abgrenzung und Abschottung bekämpft.

Liebe Festgemeinde, sind das die Rezepte, damit wir einen unbeschwerten 1. August feiern können? Für mich tönen diese nicht nach einer Lösung für die heutigen Probleme, sondern nach Angst vor der Zukunft. Wer aber Angst vor der Zukunft hat, der sollte keine Politik machen!

Ich habe keine Angst vor der Zukunft! Klar, wir leben in unsicheren Zeiten und die Schweiz steht vor grossen Herausforderungen – und trotzdem habe ich keine Angst vor der Zukunft. Denn ich bin mir dem bisherigen Erfolg der Schweiz und der Stärke der Schweiz bewusst! Und ich habe deshalb Vertrauen, dass es uns Schweizerinnen und Schweizern auch jetzt wieder gelingen wird, allen Widrigkeiten zum Trotz die Erfolgsgeschichte der Schweiz fortzusetzen.

Lassen Sie uns, – wie bei einem Unfall – für einen Moment einen kühlen Kopf bewahren und die Situation einer nüchternen Analyse unterziehen:

  • Dass Ereignisse weit weg von hier, z.B. Bürgerkriege, einen Einfluss auf unser Leben haben, ist das Resultat der Globalisierung, der immer engeren Verbindung zwischen den verschiedenen Weltgegenden. Das ist quasi die Kehrseite der Medaille. Die Vorderseite dieser Medaille zeigt eine Schweiz, die prosperiert. Denn ohne Globalisierung wären unsere Ferien teuer und langweilig, unsere Exportwirtschaft – das Rückgrat unseres Wohlstands – provinziell, unser Konsum auf das Schweizer Heimatwerk beschränkt und unsere Technologien vorsintflutlich. Wir sollten deshalb nicht das Kinde mit dem Bad ausschütten, heisst, statt die Globalisierung als Ganzes zum Problem machen, die mit der Globalisierung einhergehenden Probleme lösen.
  • So völlig neu ist die heutige Situation für die Schweiz nicht. Schon früher beeinflussten Ereignisse im Ausland den Lauf der Schweizer Geschichte und schon früher gab es Zeiten grosser Unsicherheit. Denken Sie nur einmal an die Zeit während des 2. Weltkriegs! Verglichen mit damals ist das hier und jetzt die reinste Wohlfühloase. Und wissen Sie, was die Schweizerinnen und Schweizer damals gemacht haben? Meine Grosseltern zum Beispiel haben wie tausend andere auch eine Familien gegründet – ein stärkeres Zeichen für das Vertrauen in eine bessere Zukunft in Zeiten grösster Unsicherheit gibt es wohl kaum! Wir sollten uns diesen Mut und diese Zuversicht als Vorbild nehmen, statt ständig zu jammern.
  • Wir sind frei und treffen unsere Entscheidungen selbst. Und weil die Schweiz eines der reichsten Länder der Welt ist, können wir uns Dinge leisten, von denen andere nicht mal träumen. Kurz: Uns stehen alle denkbaren Optionen offen – wir müssen uns nur entscheiden und anpacken.
  • Die Lebensqualität, die wir Schweizerinnen und Schweizer tagtäglich geniessen, ist einzigartig, sowohl im Vergleich mit dem Ausland als auch im Vergleich mit früher. Dieser Erfolg ist uns aber nicht einfach so in den Schoss gefallen, sondern wurde und wird von uns allen tagtäglich erarbeitet – und zwar auch dann, wenn es mal nicht ganz so einfach geht. Wir leben unsere Freiheit und bewahren sie gegen Innen und Aussen. Für den Wohlstand arbeiten wir jede Woche von Montag bis Freitag, manchmal auch mehr. Und wir pflegen die Gemeinschaft und gegenseitige Solidarität. Das zeigt, dass wir anpacken können und bereit sind, Problem zu lösen und Herausforderungen zu meistern; nur deshalb haben wir diese hohe Lebensqualität. Und nur darum ist die Geschichte der Schweiz eine Erfolgsgeschichte.
  • Wir können aber nicht nur anpacken, sondern wir packen auch am richtigen Ende an. Denn auch ein Hamster im Hamsterrad ist sehr aktiv, und trotzdem konmt er nie vorwärts. Wir hingegen machen nachweislich und spürbar Fortschritt, weil wir das Richtige tun. Und genau darin liegt die Stärke der Schweiz: Wir haben einen starken, aber schlanken Staat, effiziente Infrastrukturen in Verkehr, Bildung und Gesundheit, eine moderate Steuerbelastung und tiefe Verschuldung, ein flexibler Arbeitsmarkt und offene Märkte gegen Innen und Aussen, starkes und innovatives Unternehmertum, hohes gesellschaftliches Engagement und vor allem: aktive, freie Bürgerinnen und Bürger! Diese Stärken zeichnen sich nicht nur, aber gerade in schwierigen Zeiten aus; denn trotz starkem Franken und Rezession, trotz Terror, Flüchtlingswellen und Konflikten haben wir nicht an Freiheit und Wohlstand eingebüsst. Es wäre deshalb fatal, gerade jetzt von diesen bewährten Rezepten abzuweichen!
  • Wenn wir nun noch den Blick über den Tellerrand wagen, dann sehen wir, dass wir nicht alleine sind. Um uns herum und bis auf die andere Seite der Erde gibt es andere Länder, mit denen wir befreundet sind und mit denen wir unsere zentralen Werte teilen. Und die Bürgerinnen und Bürger dieser Länder stehen vor den gleichen Herausforderungen wie wir. Es macht vermutlich Sinn, gemeinsame Probleme gemeinsam anzugehen, statt leere Phrasen über die angeblich gefährdete Unabhängigkeit zu dreschen.
  • Und obwohl die Ursachen vieler unserer Herausforderungen weit weg liegen, können wir durchaus etwas machen: Wir können dort, wo es zu unserem Vorteil ist, die Zusammenarbeit mit befreundeten Ländern intensivieren. Wir sollten das internationale Werte- und Rechtssystem viel besser und intensiver für uns nutzen. Und wir müssen dieses Werte- und Rechtssystem erhalten und gestalten, denn als Kleinstaat können wir kein Interesse daran haben, dass das Recht des Stärkeren wieder dominiert. Wir müssen des weitern die Vorteile einer globalisierten Welt besser nutzen statt nur über deren Nachteile zu diskutieren. Dies gilt insbesondere bezüglich des Freihandels: Statt eine Branche schützen, die nur dank massivem Staatsinterventionismis nicht einmal ein Prozent zu unserem Wohlstand beiträgt, sollten wir der Exportwirtschaft die Steine aus dem Weg räumen und von billigen Importprodukten profitieren.

Liebe Festgemeinde, wenn Sie mich also fragen, was die Schweiz tun soll, damit wir den 1. August unbeschwert feiern können, dann ist nach dieser Analyse meine Antwort ohne den geringsten Zweifel:

  • Wir sollten uns wieder bewusst werden, was unsere Stärken sind und von wo unser Erfolg kommt, statt irgendwelchen rückwärts gewandten Rezepten nachzurennen!
  • Wir können und müssen genau auf diesen Stärken auch heute aufbauen, denn sie garantieren, dass wir auch die aktuellen Herausforderungen meistern können! Hingegen wäre es fatal, diese Stärken zu zerstören; z.B. indem wir es weiter zulassen würden, dass die Bürokratie und die Zahl der Vorschriften immer mehr anwachsen, oder indem wir uns weiterhin standhaft weigern würden, trotz einer alternden Gesellschaft die Altersvorsorgen zu sanieren.
  • Und wir können die Herausforderungen, vor denen die Schweiz steht, bewältigen! Wir müssen nur mit Mut und Zuversicht anpacken. Verzweifelung und Angst sind hingegen kaum geeignet, die Zukunft der Schweiz zu gestalten.

Liebe Festgemeinde, ich bin überzeugt, dass uns das gelingen wird und wir die Erfolgsgeschichte der Schweiz fortsetzen können. Wir Schweizerinnen und Schweizer haben schon schwierigere Situationen gemeistert. Lassen Sie uns deshalb ohne Verklärung auf unsere Erfolge und Stärken schauen und ohne Naivität gemeinsam zuversichtlich die Zukunft in Angriff nehmen.

Und wenn wir ganz ehrlich sind, liebe Festgemeinde, dann gibt es eigentlich keinen plausiblen Grund, wieso wir nicht bereits heute mit Stolz und ohne Angst den 1. August feiern sollten! – Ich wünsche Ihnen allen einen unbeschwerten Nationalfeiertag!

(1. August-Ansprache an der 1. August-Feier der Gemeinde Seegräben am 1.8.2016)