Hans-Jakob Boesch
Hans-Jakob Boesch
06.08.2017

Eine autarke Schweiz ist keine sichere Schweiz

Ob Flüchtlingsströme, Ernährungssicherheit oder Energieversorgung – sehr oft wird bei Sicherheitsfragen das Heil auf heimischen Boden gesucht: Die Schweiz würde alleine und autark am besten fahren, heisst es. Für einen Kleinstaat ohne nennenswerte Rohstoffe, mit einer hochgradig international vernetzten Wirtschaft, mit 26 % unproduktivem Land und einer wachsenden Bevölkerung, ohne Meerzugang und mit kaum militärischen Mitteln für Einsätze ausserhalb der Landesgrenzen ist dies allerdings eine ziemlich gewagte Strategie.

  • Stünden die Massen der derzeitigen Flüchtlingsströme plötzlich an der Schweizer Grenze, würden wir rasch an unsere eigenen Grenzen stossen. Flüchtlingsprobleme müssen deshalb primär dort gelöst werden, wo diese entstehen. Die Schweiz hat folglich ein ureigenes Interesse, Konflikte zu verhindern und zu lösen versuchen, Flüchtlinge möglichst vor Ort zu betreuen und das Schengen-Grenzsystem zu nutzen. Dies gelingt am besten im Verbund mit befreundeten Staaten und unter Einbezug internationaler Organisationen.
  • Unsere Landwirtschaft kann nicht 8 Millionen Menschen ernähren und ist auch nicht resistent gegen Missernten. Die krisensicherste Versorgung kann dank des Zugangs zu einer Vielzahl verschiedener Produzenten nur der freie Weltmarkt garantieren. Es lohnt sich deshalb, mit möglichst vielen Staaten Freihandelsverträge abzuschliessen, in gut ausgebaute, diversifizierte Transportwege zu Wasser, Land und Luft zu investieren und dem internationalen, auf Recht basierenden Handelssystem Sorge zu tragen.
  • Trotz heimischer Wasserkraft beziehen wir den Grossteil unserer Energie vom Ausland. Daran werden auch ein paar Solarpanels und Windräder nichts ändern. Um die eigenen Ressourcen nicht zu verschwenden, sollten wir aber ohnehin Energie nur dann selbst produzieren, wo dies auch konkurrenzfähig möglich ist. Besser ist es, unsere Energiemärkte vollständig zu öffnen, unsere Energieträger möglichst breit zu diversifizieren und weltweit Zugang zu den verschiedenen Anbietern sicherzustellen. Hierzu gehört auch die redundante Anbindung an die europäischen Übertragungsnetze.

Die Selbstversorgung und politischen Alleingänge der Schweiz sind zu einem politischen Mantra geworden, das in dieser Absolutheit unsere Sicherheit und damit unsere Unabhängigkeit gefährdet. Nur dank der Vernetzung mit der restlichen Welt, der Zusammenarbeit mit Partnern und internationalen Organisationen und der Pflege des internationalen Rechts kann die Schweiz ihre Unabhängigkeit in Sicherheit wahren.

(Erschienen im Zürcher Freisinn 1/2016.)