Hans-Jakob Boesch
Hans-Jakob Boesch
26.08.2020

Freiheit und Verantwortung

Wir haben als Gesellschaft ein Problem, wenn die Bürgerinnen und Bürger keine Verantwortung übernehmen wollen. Denn das gefährdet den Zusammenhalt und die Freiheit der Bürgerinnen und Bürger. Wir wollen keine solche Gesellschaft. Wir wollen eine Gesellschaft, in der wir in Freiheit leben können und übernehmen hierfür auch gerne Verantwortung.

Freiheit und Verantwortung. Die Corona-Krise hat diese zwei Begriffe schlagartig ins Bewusstsein der Bürgerinnen und Bürger gebracht.

Mit dem Lockdown haben wir alle erfahren, was es heisst, Freiheit zu haben oder nicht zu haben. Kleinigkeiten und Alltägliches waren – und sind teilweise immer noch – nicht mehr erlaubt und möglich. Haare schneiden, verreisen, Freunde treffen etc. Ihr kennt es bestens. Freiheit, ein für uns Schweizerinnen und Schweizer bisher abstrakter Begriff wurde plötzlich sehr greifbar.

Ich hoffe, dass die Krise wenigstens diesbezüglich etwas Positives bewirkt. Dass wir alle unsere Freiheit wieder mehr schätzen, dass wir uns bewusst sind, was sie bedeutet, wie schnell man sie verliert. Denn Freiheit ist eben nicht selbstverständlich. Und deshalb setzen wir uns von der FDP seit jeher auch für die Freiheit der Bürgerinnen und Bürger ein.

Die Freiheit ist nicht alleine, Ihr wisst das, sondern sie geht zusammen mit der Verantwortung. Und auch das hat die Corona-Krise exemplarisch gezeigt, wenn auch leider eher im negativen Sinne.

Kampf gegen Masken ist kein Kampf für Freiheit

Um die Verbreitung von Corona zu verlangsamen, gibt es ein paar einfache Regeln, die jeder von uns befolgen kann: Abstand halten, Händewäschen, Maske anziehen. Keine Hexerei, aber doch recht wirksam. Wenn diese Regeln befolgt werden, dort wo sie auch nötig sind, dann braucht es viel weniger vom Staat vorgeschriebene Einschränkungen, die deutlich mehr stören, als eine Maske im Gesicht zu tragen, z.B. die Schliessung von Restaurants und Schulen.

Ihr seht: Tragen wir Verantwortung – im wahrsten Sinne des Wortes –, behalten wir die Freiheit. Handeln wir verantwortungslos, greift früher oder später der Staat ein und nimmt uns die Freiheit. Und zwar meist im übertriebenen Masse, da staatliche Eingriffe selten mit Augenmass, differenziert und situationsbezogen erfolgen. So müssen wegen der Maskentragpflicht auch Masken in einem völlig leeren Zug getragen werden…

Dass verantwortungsloses Handeln einzelner einen Staatseingriff provoziert und die Freiheit von uns allen einschränkt, zeigt sich nicht nur im Kampf gegen Corona. Auch beim Littering ist das der Fall oder beim Campieren in Naturschutzgebieten. Die Liste lässt sich beliebig fortsetzen. Und wir brauchen nicht immer mehr Aufpasser wie Rangers in Naturschutzgebieten und Polizisten am Seeufer, weil angeblich zu viele Menschen hier leben, sondern weil sich viele von uns nicht mehr darum kümmern, was nach ihnen kommt. Ganz nach dem Motto: «Nach mir die Sintflut».

Dass nur ein kleiner Teil der Schweizer Bevölkerung Verantwortung übernahm und der Empfehlung folgte, im ÖV – wenn nötig – Masken zu tragen, muss uns allen zu denken geben.

Es ist dabei keineswegs so, dass die Nicht-Maskenträger und Maskenverweigerer Kämpfer für die Freiheit sind, wie sie sich gerne selbst darstellen. Sondern sie sind mit ihrem verantwortungslosen Handeln vielmehr die Totengräber unserer Freiheit. In die gleiche Kategorie fallen all diejenigen, die nun das freiwillige Covid-App bekämpfen, weil es angeblich unsere Freiheit übermassig einschränke. Der Kampf gegen Maske und Covid-App ist kein Freiheitskampf wie wir ihn derzeit in Weissrussland beobachten können, sondern das ist die Torheit von Narren.

Nur mit Verantwortung eine freie Gesellschaft

Nicht viel besser sind die hämischen Stimmen von Links. GLP- und SP-Exponenten machten sich lustig über uns Freisinnige, weil wir auf die Verantwortung pochten und doch nur ganz wenige im ÖV freiwillig eine Maske angezogen haben: «Seht her, die von Euch gepredigte Eigenverantwortung ist kaum existent.»

Nun, ja, dass es die Linken freut, dass es mit der Verantwortung leider nicht weit her ist, verwundert nicht. Denn sie wollen auch nicht Bürgerinnen und Bürger, die Verantwortung übernehmen und selbstbestimmt in Freiheit leben. Ihnen sind vom Staat gesteuerte Massen ohne Individualität und Eigeninitiative viel lieber.

Nur: Was ist das für ein Staat, für eine Gesellschaft, in der die Bürgerinnen und Bürger keine Verantwortung mehr übernehmen? Es ist eine egoistische Gesellschaft, in der der Staat jedes kleinste Detail des Zusammenlebens vorgeben und kontrollieren muss. Eine Gesellschaft, in der der Staat den Bürgerinnen und Bürgern von früh bis spät sagt, was zu tun und zu unterlassen sei. Der Staat verkommt zum Polizeistaat. Ein solche Gesellschaft kennt keine Freiheit. Und ein solcher Staat ist bei der kleinsten Herausforderung oder Krise rasch überfordert, weil er nicht auf die mündige Mitwirkung der Bürgerinnen und Bürger zählen kann.

Wir haben als Gesellschaft also ein Problem, wenn die Bürgerinnen und Bürger keine Verantwortung übernehmen wollen. Denn das gefährdet den Zusammenhalt und die Freiheit der Bürgerinnen und Bürger. Wir wollen keine solche Gesellschaft. Wir wollen eine Gesellschaft, in der wir in Freiheit leben können und übernehmen hierfür auch gerne Verantwortung. Denn Freiheit ist nur mit Verantwortung zu haben – das hat die Krise eindrücklich gezeigt.

 

(Ansprache an der kantonalen Delegiertenversammlung vom 25.8.2020.)