Hans-Jakob Boesch
Hans-Jakob Boesch
24.10.2017

Werkplatz Schweiz: Rahmenbedingungen stärken und Chancen nutzen

Wenn man den politischen Debatten zuhört, erhält man den Eindruck, unser Werkplatz Schweiz, man kann auch sagen: unsere Wirtschaft, sei bedroht. Überall nur Risiken und Gefahren:

  • Die Digitalisierung wird die Art und Weise, wie wir arbeiten, wie wir konsumieren, wie wir kommunizieren, ja, wie wir leben, massiv verändern. Und wir wissen nicht, wohin das führen wird und welche Tätigkeiten eine digitalisierte Welt brauchen wird. Immer wieder hört man die Befürchtung, Algorithmen würden uns die Arbeit wegnehmen.
  • Wegen der Deindustrialisierung gehen laufend Stellen im handwerklich-technischen Bereich verloren und einst stolze Schweizer Industrieunternehmen verschwinden oder wandeln sich zu Immobilienunternehmen.
  • Die Frankenstärke beschleunigt diesen Prozess und setzt generell alle unsere Exportunternehmen – das Rückgrat des Schweizer Wohlstands – massiv unter Druck.
  • Auch der globale Wettbewerb bläst mit kaltem Wind den Unternehmen ins Gesicht. Stellen werden deshalb aus Effizienzgründen von der Schweiz nach Polen, Indien oder Bangladesch verschoben.
  • Und während die einen Stellen wegen der Globalisierung ins Ausland „abwandern“, werden die noch in der Schweiz verbleibenden Stellen von Zuwanderern aus allen Herren Ländern besetzt. Das Nachsehen haben vor allem Teilzeitarbeitende, Berufseinsteiger und Über-50-Jährige.

Ein ziemlich düsteres Bild, und auch nicht grundsätzlich falsch. Aber dieses düstere Bild hat noch eine Kehrseite, und zwar eine positive:

  • Die Digitalisierung hat uns unglaublichen Wohlstand gebracht. Beispielhaft hierfür das Mobiltelefon: Fotoapparat, Telefonbuch, Agenda, Briefpost, Wecker, Fahrplan, Billettautomat, Checkin, Zeitung, Gamekonsole, Musikspieler, Wetterbericht, Karte, GPS, Taschenrechner und vieles mehr – man könnte fast vergessen, dass es auch noch ein Telefon ist. Und das alles fast zum Nulltarif. Wer möchte das heute noch missen? Und die Digitalisierung hat nicht nur uns Konsumenten viel Positives gebracht, sondern auch uns Arbeitnehmern, denn sie hat hunderte von neuen Jobs geschaffen. Man denke nur an Google, die am Standort Zürich Jahr für Jahr wachsen, oder an AirBnB und Uber, die neue Verdienstmöglichkeiten schaffen.
  • Ein Blick in die Statistik zeigt: Trotz Frankenstärke gingen die Exporte nicht zurück, die Arbeitslosigkeit ist nicht gestiegen und der Kanton Zürich hat rekordhohe Steuereinnahmen von den Unternehmen. Und das beweist: Unsere Unternehmen haben sich nicht kleinkriegen lassen, sondern wurden noch effizienter, noch erfinderischer. Die Frankenstärke ist letztendlich eben auch ein Zeichen, wie stark unsere Wirtschaft im Vergleich zu den anderen Volkswirtschaften ist.
  • Das Gleiche gilt auch für die Globalisierung generell: Ja, die offenen Märke setzen unsere Unternehmen unter Druck und, ja, etliche Stellen wurden und werden ins Ausland verlegt. Aber gleichzeitig erfinden sich unsere Unternehmen immer wieder neu, entwickeln gefragte Produkte und schaffen neue Stellen, viel mehr als sie abbauen. Gleichzeitig profitieren die Konsumenten von günstigen Produkten von überall aus der Welt. Unser Wohlstand ist massgeblich von genau diesen offenen Märkten abhängig – sowohl was unser Einkommen betrifft, als auch was unseren Konsum betrifft.
  • Es ist richtig, dass Unternehmen wie Google viele der neu geschaffenen Stellen mit Ausländerinnen und Ausländern besetzen. Aber nicht deshalb, weil die uns Schweizerinnen und Schweizer nicht gerne haben, sondern weil es schlicht nicht so viele hochqualifizierte Leute in der Schweiz gibt, wie sie brauchen. Und allen Unkenrufen zum Trotz profitieren wir Schweizerinnen und Schweizer davon ganz direkt: Wir haben sehr erfolgreiche Unternehmen hier, die viel Steuern bezahlen und die Vorleistungen beziehen, von denen lokale Betriebe profitieren. Und die sehr gutverdienende Mitarbeitende anstellen, die ebenfalls viel Steuern bezahlen und hier in der Schweiz konsumieren, von dem wiederum die lokale Wirtschaft profitiert.
  • Die Deindustrialisierung der Schweiz ist tatsächlich eine Entwicklung, die keine positive Kehrseite hat; diese Stellen gehen verloren, für immer. Das kann man nicht schönreden. Die Zeit der industriellen Massenproduktion ist in der Schweiz definitiv vorbei; einzig im hochspezialisierten, sehr innovativen Bereich, können wir heute noch bestehen. Dies zeigt, dass Veränderungen auch Verlierer hervorbringen; das gilt nicht nur für die Deindustrialisierung, sondern für alle fünf genannten Entwicklungen, allerdings unterschiedlich stark. Aber wir lassen unsere Mitbürgerinnen und Mitbürger, die ihre Stelle verlieren, nicht einfach als Verlierer zurück. Dank der Arbeitslosenversicherung sind sie finanziell abgesichert und haben eine Unterstützung bei der Stellensuche. Unser Bildungssystem ermöglicht Aus- und Weiterbildungen sowie Umschulungen und öffnet ihnen so neue Perspektiven. Und dank des flexiblen Arbeitsmarkts zögern Unternehmen nicht, diese Leute wieder einzustellen. Dass dies nicht leeres Geschwätz ist, sondern auch funktioniert, zeigen die Arbeitslosen- und Beschäftigungsstatistiken.

Es bestehen also durchaus Risiken und Gefahren, diese bieten uns aber immer auch Chancen. Es ist deshalb sinnvoller, von Herausforderungen für den Werkplatz Schweiz zu sprechen – das lässt es uns offen, was wir damit machen: Packen wir den Stier bei den Hörnern und machen wir das Beste daraus? Oder betreiben wir Vogelstrausspolitik und lassen uns von den Ereignissen und Veränderungen treiben?

Unsere Geschichte beweist, dass wir erfolgreich sind, dass wir mit Herausforderungen umgehen können, dass wir Chancen packen können. Wenn wir das nicht täten, würde es uns nicht so gut gehen, seit Jahrzehnten. Gleichzeitig zeigen aber die politischen Diskussionen, dass primär die Risiken und nicht die Chancen thematisiert werden.

Insofern liegt das grösste Risiko für den Werkplatz Schweiz, für unsere Wirtschaft und unseren Wohlstand genau darin, dass wir in den Herausforderungen nur noch Risiken sehen und uns ganz viele Chancen vergeben. Wenn man so will, sind wir unser grösstes Risiko.

Dass dieses Risiko besteht, zeigt sich nicht nur darin, dass wir Unternehmer, die mit ihrer Businnessidee scheitern, als Verlierer ansehen, statt sie für ihren Mut zu loben und zum Weitermachen zu ermuntern. Nein, dieses Risiko zeigt sich auch bei Wahlen und Abstimmungen: Aus falscher Angst verschlechtern wir genau die Rahmenbedingungen und Institutionen, die uns stark gemacht haben und dank denen wir bisher alle Krisen erfolgreich gemeistert haben. Denn wir – und unser Werkplatz – brauchen auch in Zukunft einen starken, aber schlanken Staat, effiziente Infrastrukturen in Verkehr, Bildung und Gesundheit, eine moderate Steuerbelastung und tiefe Verschuldung, ein flexibler Arbeitsmarkt und offene Märkte gegen Innen und Aussen, starkes und innovatives Unternehmertum, hohes gesellschaftliches Engagement und aktive, freie Bürgerinnen und Bürger. Nur wenn wir an diesen Rahmenbedingungen und Institutionen festhalten und ihnen Sorge tragen, können wir auch die kommenden Herausforderungen als Chance nutzen und brauchen uns vor Risiken nicht zu fürchten.

(Erschienen im Zürcher Freisinn 3/2017)