Hans-Jakob Boesch
Hans-Jakob Boesch
23.01.2019

Wohnungspolitik: Etwas mehr Nüchternheit täte gut

Das Verhältnis zwischen Mieter und Vermieter scheint ein erbitterter Kampf ums nackte Überleben zu sein. Das ist falsch, denn letztendlich profitieren beide Seiten voneinander. Etwas mehr Nüchternheit in der wohnpolitischen Debatte täte deshalb gut.

Glaubt man den Diskussionen in den Medien, so tobt in der Schweiz ein erbitterter Kampf und zwar zwischen den Mietern und den Vermietern. Das ist aber weit übertrieben. Klar gibt es Konflikte zwischen Mieter und Vermieter, so wie überall, wo Menschen miteinander zu tun haben. Und klar verhalten sich nicht alle Vermieter korrekt, sowie das auch bei den Mietern leider nicht immer der Fall ist. Im Grossen und Ganzen funktionieren das Mietverhältnis und der Wohnungsmarkt in der Schweiz sehr gut. Eine etwas entspanntere Diskussion in der Wohnungspolitik täte deshalb gut, denn letztendlich profitieren beide Seiten voneinander.

Für linke Kreise ist die Sache klar: Die Vermieter sind alles skrupellose Abzocker, die die wehrlosen Mieter ausnehmen wie eine Weihnachtsgans. Sie rufen deshalb ständig nach einem noch rigideren Kündigungsschutz und noch schärferen Mietzinsvorschriften. Dabei verkennen die Linken völlig, dass die Mieter nicht unmündige Bürger in einer Notlage sind, sondern selbstverantwortliche Marktteilnehmer, die mit den Vermietern freiwillig einen Handelsvertrageingehen. Entsprechend ist ein funktionierender Wohnungsmarkt mit einem genügend grossen Angebot an Wohnungen unterschiedlicher Anbieter der beste Schutz vor steigenden Mieten und die beste Lösung bei einer Kündigung. (Selbstverständlich müssen die sozial Schwächeren in unserer Gesellschaft wie in allen Lebenslagen so auch bei der Wohnfrage von uns allen mit privaten und staatlichen Massnahmen spezifisch unterstützt werden.)

Stark regulierter Wohnungsmarkt

Zugegeben, der Wohnungsmarkt ist in der Schweiz leider nicht perfekt. Vielmehr ist er wegen des Föderalismus stark fragmentiert und wegen der zahlreichen Vorschriften stark reglementiert. Folglich kann der Wohnungsmarkt die oben beschriebenen Funktion nur eingeschränkt wahrnehmen. Aber die Lösung dieses Problems liegt wie gezeigt genau nicht in noch mehr Staat, sondern in mehr Markt und Wettbewerb.

Der Regierungsrat des Kantons Zürich hat in seiner Antwort auf eine Anfrage von mir aufgezeigt, dass die rot-grüne Stadt Zürich ganz bewusst den privaten Wohnungsbau in den vergangenen Jahren gebremst hat (http://www.kantonsrat.zh.ch/Dokumente/De892864d-674b-4512-9d85-2318b1faa47d/R18249.pdf#View=Fit). Kein Wunder also, dass zum Leidwesen der Mieter es in der Stadt Zürich zu wenige Wohnungen gibt und die Mietpreise entsprechend steigen. Das müsste allerdings nicht sein, liesse die Stadt die Privaten mehr und schneller bauen.

Mieter und Vermieter im gleichen Boot

Dieses Beispiel zeigt, dass die Mieter letztendlich im gleichen Boot sitzen wie die Vermieter und als Marktteilnehmer voneinander profitieren. Während die Vermieter dank der Mieteinnahmen eine Rendite auf ihrem Investment verdienen, steht den Mietern ein breites Angebot an Wohnungen in allen möglichen Variationen (Grösse, Ausbaustandard, Lage etc.) zur Verfügung, ohne dass sie dabei ein Risiko für Bau und Unterhalt der Liegenschaften tragen müssen. Die Mieter haben also ein ureigenes Interesse, dass die Vermieter genügend Wohnungen in der nachgefragten Qualität «bereitstellen» können.

Auch aus gesamtgesellschaftlicher Sicht sind wir darauf angewiesen, dass die Vermieter in den Zentren und Agglomerationen Wohnungenbauen können. Denn das Siedlungswachstum muss primär in den bestehenden Quartieren stattfinden, damit wir unsere Natur undNaherholungsgebiete erhalten können. Dabei müssen bei dieser sogenannte «inneren Verdichtung» hohe Qualitätsanforderungen an die Immobilien gestellt werden, schliesslich will jeder Mieter trotz dichter Bauweise ein hohes Mass an Wohnqualität, Freiheit und Privatsphäre haben. Dies kann nur zusammen mit den Vermietern gelingen, nicht gegen sie. –Und es ist wirksamer als es die linke Zersiedlungs-Initiative je sein kann…

Kreis schliesst sich

Wie erwähnt sind Immobilien für Vermieter eine interessante Anlagemöglichkeit. Das gilt auch für Mieter. Denn kaum ein Mieter hat heute nicht selbst in Immobilien investiert, sei es über seine Pensionskasse, sei es über seine privaten Anlagen wie z. B. Immobilienfonds oder gar «Crowdfunding». Und damit schliesst sich der Kreis sozusagen: Ab dem Moment, wo ich als Mieter in irgendeiner Form in Immobilien investiert habe, profitiere ich von den Mieteinnahmen anderer, die wiederum wie ausgeführt von meinem Investment in Wohnungen profitieren.

Das gegeneinander Ausspielen von Vermieter und Mieter erscheint vor diesem Hintergrund als völlig absurd und kontraproduktiv. Und es widerspricht der Realität. Denn wie in jedem freien Markt so profitieren auch auf dem Wohnungsmarkt die Mieter und Vermieter gegenseitig voneinander. Es wäre gut, würde diese Erkenntnis in die wohnpolitische Diskussion einfliessen und etwas zu mehr Nüchternheit beitragen.

 

(Erschienen im "Der Zürcher Hauseigentümer" Januar 2019)